{"id":903,"date":"2025-10-15T11:15:05","date_gmt":"2025-10-15T09:15:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ratschlag-thueringen.de\/?p=903"},"modified":"2025-10-15T11:15:06","modified_gmt":"2025-10-15T09:15:06","slug":"aufruf-zum-34-antifaschistischen-und-antirassistischen-ratschlag-in-thueringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ratschlag-thueringen.de\/aktuelles\/aufruf-zum-34-antifaschistischen-und-antirassistischen-ratschlag-in-thueringen\/","title":{"rendered":"Aufruf zum 34. antifaschistischen und antirassistischen Ratschlag in Th\u00fcringen"},"content":{"rendered":"\n<p>Seit den fr\u00fchen 1990er-Jahren findet im Gedenken an die antisemitischen Novemberpogrome von 1938 j\u00e4hrlich der antifaschistische und antirassistische Ratschlag in Th\u00fcringen statt. Die Veranstaltung dient der Vernetzung aktiver Antifaschist*innen sowie dem Austausch \u00fcber inhaltliche und strategische Fragen. Seit \u00fcber drei Jahrzehnten bringt der Ratschlag dabei Engagierte aus Gewerkschaften, antirassistischen, antisemitismuskritischen, feministischen und antifaschistischen Initiativen, B\u00fcrger*innenb\u00fcndnissen, Jugendverb\u00e4nden, Parteien sowie aus linken und linksradikalen Zusammenh\u00e4ngen zusammen. Der 34. Ratschlag findet am 7. und 8. November 2025 in Jena statt. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, teilzuhaben, sich einzubringen, zu diskutieren und neue Kontakte und B\u00fcndnisse zu kn\u00fcpfen. Wenn ihr noch genauer wissen wollt, warum der Ratschlag so wichtig ist, was uns besch\u00e4ftigt und warum wir uns freuen w\u00fcrden, euch auf dem Ratschlag zu sehen, hier noch ein Einblick unsererseits.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Warum Jena?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt war im Nationalsozialismus ein ideologisches Zentrum, ein Standort von Verfolgung und Ausbeutung sowie ein Ort, an dem sich staatliche Gewalt und gesellschaftliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr das NS-Regime manifestierten: Die NSDAP erreichte in Jena bei den Reichstagswahlen 1930 und 1933 regelm\u00e4\u00dfig Zustimmungswerte \u00fcber 30 Prozent. Viele B\u00fcrger*innen unterst\u00fctzten offen nationalistische, antisemitische und autorit\u00e4re Ideologien. Die Universit\u00e4t Jena betrieb rassistische und eugenische Forschung und lieferte pseudowissenschaftliche Legitimation f\u00fcr die Verfolgung und Vernichtung von J\u00fcdinnen*Juden und anderen Menschen. Die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung in Jena wurde systematisch entrechtet, isoliert und unter unmenschlichen Bedingungen in einem Barackenlager zusammengepfercht, welches als Zwischenstation vor den Deportationen in Vernichtungslager diente.<\/p>\n\n\n\n<p>Jenas Wirtschaft profitierte massiv von der Ausbeutung von Zwangsarbeiter*innen, insbesondere in der Optik- und Feinmechanikindustrie bei Carl Zeiss und Schott. Im Sommer 1944 wurde ein Au\u00dfenlager des KZ Buchenwald f\u00fcr das Reichsbahnausbesserungswerk errichtet. Im April 1945 f\u00fchrten SS und Polizei einen Todesmarsch von KZ-H\u00e4ftlingen aus Buchenwald durch Jena. Viele Gefangene starben w\u00e4hrend des Marsches, teilweise ermordet in den Stra\u00dfen der Stadt. Gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung, st\u00e4dtische Beh\u00f6rden und Wirtschaft unterst\u00fctzten aktiv oder passiv die Durchf\u00fchrung dieser Verbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die nachtr\u00e4glichen Bef\u00fcrworter*innen solcher Taten sind in ganz Europa im Aufwind. So auch in Ungarn, wo jedes Jahr tausende Neonazis beim Tag der Ehre in Budapest dem Nationalsozialismus und seinen T\u00e4ter*innen huldigen. Aufgrund antifaschistischen Engagements gegen diese Veranstaltung ist Jena in den Fokus staatlicher Repression geraten. Mehreren Antifaschist*innen aus unserer Stadt wird vorgeworfen, an Auseinandersetzungen in Budapest beteiligt gewesen zu sein. Unsere Solidarit\u00e4t gilt den von Repression betroffenen Antifaschist*innen, auf deren Situation wir aufmerksam machen wollen. Seit der rechtswidrigen Auslieferung an Ungarn im Juni 2024 befindet sich Maja unter menschenunw\u00fcrdigen Haftbedingungen in ungarischen Gef\u00e4ngnissen. 23 Stunden t\u00e4glich allein in einer acht Quadratmeter gro\u00dfen Zelle ohne Kontakt zu anderen Inhaftierten, permanente Video\u00fcberwachung, v\u00f6llig unzureichende Ern\u00e4hrung und unhygienische Zust\u00e4nde, regelm\u00e4\u00dfige Durchsuchungen, teils unter vollst\u00e4ndiger Entkleidung. Maja trat im Juni f\u00fcr 40 Tage in einen Hungerstreik, um gegen die Zust\u00e4nde der Inhaftierung und die anhaltende Isolationshaft zu protestieren sowie die R\u00fcckkehr nach Deutschland einzufordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Januar stellten sich zudem sieben antifaschistische Genoss*innen nach fast zwei Jahren im Untergrund den Repressionsbeh\u00f6rden, nachdem unter Hochdruck nach ihnen gefahndet worden war. Dass antifaschistisches Engagement kriminalisiert wird, w\u00e4hrend rechte Netzwerke enormen Zulauf erhalten und neonazistische, rassistische und antisemitische Straftaten auf einem neuen H\u00f6chststand sind, ist nicht hinnehmbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Das rechtsterroristische Netzwerk des NSU hat seine Wurzeln in Jena. Hier organisierten sich in den 1990er-Jahren die sp\u00e4teren Hauptt\u00e4ter*innen in der neonazistischen Szene, insbesondere im \u201eTh\u00fcringer Heimatschutz\u201c. Trotz fr\u00fcher Hinweise auf ihre Gef\u00e4hrlichkeit konnten sie untertauchen und begingen zwischen 2000 und 2007 zehn vorwiegend rassistische Morde, mehrere Sprengstoffanschl\u00e4ge und zahlreiche Raub\u00fcberf\u00e4lle. Die enge Verstrickung des Netzwerks in ein unterst\u00fctzendes Umfeld sowie das Versagen staatlicher Institutionen bei der Aufkl\u00e4rung werfen bis heute schwerwiegende Fragen auf. Klar ist heute: Der NSU war nicht zu dritt. Es ist nicht hinnehmbar, dass Beate Zsch\u00e4pe nun in ein Aussteigerprogramm aufgenommen ist und damit Zugang zu Ma\u00dfnahmen erh\u00e4lt, die ihre Haftbedingungen positiv beeinflussen k\u00f6nnten, w\u00e4hrend Angeh\u00f6rige der Opfer bis heute auf vollst\u00e4ndige Aufkl\u00e4rung warten. Gerade f\u00fcr die Betroffenen und Familien der NSU-Morde ist dies ein Schlag ins Gesicht: Viele von ihnen wurden jahrelang kriminalisiert, von Polizei und Beh\u00f6rden verd\u00e4chtigt und mit ihren Forderungen nach Wahrheit und Gerechtigkeit allein gelassen. Bis heute werden Hintergr\u00fcnde, Netzwerke und staatliches Versagen nicht konsequent aufgearbeitet sowie die Akten jahrzehntelang unter Verschluss gehalten. Dass der Staat nun T\u00e4ter*innen Zugest\u00e4ndnisse macht, w\u00e4hrend die Opfer und ihre Angeh\u00f6rigen weiter um Anerkennung und Unterst\u00fctzung k\u00e4mpfen m\u00fcssen, zeigt, wie sehr sie im Stich gelassen wurden \u2013 und wie dringend ein B\u00fcndnis zwischen antifaschistischen und antirassistischen K\u00e4mpfen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegenw\u00e4rtig wachsen in ganz Deutschland neue neonazistische Jugendgruppen, die teils lose, teils straff organisiert, in sozialen Netzwerken pr\u00e4sent sind, gewaltbereit auf der Stra\u00dfe agieren und sich in Gedenkst\u00e4tten zunehmend selbstbewusst inszenieren. Immer mehr Rechte organisieren sich in Kampfsportgruppen, trainieren k\u00f6rperliche Angriffe und zelebrieren soldatische M\u00e4nnlichkeit bei Kampfsportevents. Hinzu kommt ein digitales Umfeld, das rechte Ideologien systematisch verbreitet und normalisiert \u2013 \u00fcber Social Media und Influencer*innen aus dem neurechten Milieu. Diese Akteur*innen kn\u00fcpfen dabei an die Lebenswelt junger Menschen an, nutzen \u00c4sthetiken aus Popkultur und Fitness-Szene, spielen mit Jugendkulturen und Fu\u00dfball-\u00c4sthetik, bedienen jedoch durchgehend antisemitische, rassistische, trans- und queerfeindliche sowie antifeministische Narrative. Mit schwerwiegenden Folgen: Es bilden sich auch in Th\u00fcringen terroristische Jugendgruppen wie die \u201eLetzte Verteidigungswelle\u201c, die in Ostth\u00fcringen einen Anschlag auf eine Asylbewerber*innenunterkunft plante.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Gegen jeden Antisemitismus!<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Fast die H\u00e4lfte aller gemeldeten antisemitischen Straftaten in Th\u00fcringen wurden 2024 in Jena begangen. Nicht nur die extreme Rechte propagiert Antisemitismus und bedient autorit\u00e4re Sehns\u00fcchte. Der 7. Oktober wirkt ganz im Sinne der T\u00e4ter nach. Im letzten Jahr stieg die Zahl antisemitischer Vorf\u00e4lle in Deutschland weiter an. Es gab einen Anstieg von fast 77 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders auff\u00e4llig war die Anzahl israelbezogener antisemitischer Vorf\u00e4lle, die sich mehr als verdoppelte. Antifaschismus muss sich der Gefahren der gegenw\u00e4rtigen antizionistischen Mobilisierungen bewusst sein. Th\u00fcringen und dabei nicht zuletzt Jena galten \u00fcber viele Jahre als Regionen mit einer starken antisemitismuskritischen Linken. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, den Novemberpogromen und der Shoah waren wesentlicher Kern antifaschistischen Engagements. Diese Auseinandersetzungen sind l\u00e4ngst keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr. Das stellt uns vor Fragen: Hat die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Nationalsozialismus und seinen Kontinuit\u00e4ten zunehmend an Bedeutung verloren? Welche Br\u00fcche haben im gemeinsamen Verst\u00e4ndnis von Antifaschismus stattgefunden? Warum sind Antisemitismuskritik, das Wissen um die Spezifika des Antisemitismus und die Pr\u00e4zedenzlosigkeit der Shoah mitunter scharfen Anfeindungen auch aus linken Kreisen ausgesetzt? Haben Corona-Lockdowns, die Politisierung junger Leute jenseits klassischer antifaschistischer Strukturen, die Fluktuationen der Universit\u00e4tsstadt, die fortschreitende Ritualisierung der Erinnerungskultur oder das Ende der Zeitzeug*innenschaft ihre Spuren hinterlassen? Sind Errungenschaften geschichtsbewusster Reflexionen in die Defensive geraten, w\u00e4hrend die globalen Krisen auch in Jena autorit\u00e4re Ideologien und Antisemitismus befeuern? Welche anderen Erkl\u00e4rungen gibt es?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den regelm\u00e4\u00dfigen antizionistischen Mobilisierungen in der Innenstadt ist eine Zusammenarbeit zwischen pro-islamistischen, antiimperialistischen und linksautorit\u00e4ren Gruppen und eine neue Qualit\u00e4t zu verzeichnen. Der Terrorangriff der Hamas wird verharmlost, auf Demonstrationen mit teilweise mehreren hundert Teilnehmenden zu antisemitischer Massengewalt in Form einer neuen \u201cIntifada\u201d aufgerufen, antisemitismuskritische Plakate und Aufkleber werden in Jena mit Terrorzeichen der Hamas \u00fcberschmiert, Antifas bedroht, verfolgt und vereinzelt angegriffen. Diese fortschreitende Entwicklung hat in unserer Stadt ein Klima geschaffen, in welchem sich J\u00fcdinnen*Juden und antisemitismuskritische Antifas nicht mehr sicher f\u00fchlen k\u00f6nnen. Das enorme Leid der pal\u00e4stinensischen Zivilbev\u00f6lkerung, die schrecklichen Verluste an Menschenleben und die sich im Zuge des Krieges zwischen der Hamas und Israel dramatisch schlechten humanit\u00e4ren Situation d\u00fcrfen nicht f\u00fcr antisemitische Stimmungsmache und Gewalt instrumentalisiert werden. Daneben bleibt eine friedensorientierte Perspektive weitgehend unsichtbar, die sich nicht auf einseitige Schuldzuweisungen gegen Israel beschr\u00e4nkt, sondern die verschiedenen Akteur*innen und die geopolitischen Kontexte ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Katastrophe des 7. Oktobers und seine genozidale Dimension entschwinden derweil bereits aus dem Bewusstsein. Anl\u00e4sslich des Jahrestages der Novemberpogrome von 1938 muss auch daran erinnert werden, dass der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 der gr\u00f6\u00dfte Angriff auf J\u00fcdinnen*Juden seit dem Ende der Shoah gewesen ist. An keinem anderen Tag seit 1945 wurden so viele J\u00fcdinnen*Juden ermordet. Der Ratschlag gedenkt auch dieser Opfer, erinnert an das Schicksal der verbliebenen Geiseln, verurteilt Antisemitismus in all seinen Formen und sieht in den seit Oktober 2023 eklatant ansteigenden antisemitischen Vorf\u00e4llen und \u00dcbergriffen ein Problem, dem wir neue Strategien entgegensetzen m\u00fcssen. Jeder rassistischen Externalisierung des Antisemitismus erteilen wir eine Absage. Eine Vielzahl antisemitischer Vorf\u00e4lle aus dem konservativen und rechten Lager und die Verbreitung antisemitischer \u00dcberzeugungen in allen Bereichen der deutschen Gesellschaft zeigen, die Behauptung, Antisemitismus sei \u201cimportiert\u201d ist sowohl geschichtsvergessen als auch offenkundig rassistisch. Die menschenfeindlichen Konzepte von Abschiebung und \u201cRemigration\u201d sind niemals akzeptable Reaktionen auf gesellschaftliche Missst\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Menschenfeindlichkeit und reaktion\u00e4re Kr\u00e4fte im Aufwind.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bei den letzten Bundestagswahlen hat die v\u00f6lkische AfD deutlich an Zustimmung gewonnen. In Th\u00fcringen, Sachsen und Brandenburg lag sie bei den Zweitstimmen klar vorn. Die Zahl rassistischer, queerfeindlicher und antisemitischer Angriffe geht Hand in Hand mit hohen Zustimmungswerten f\u00fcr die AfD. Gleichzeitig greifen andere Parteien die Positionen der AfD auf oder kooperieren mit ihr. Die AfD und die ihr entgegengebrachte Akzeptanz zerst\u00f6ren damit nicht nur demokratische Errungenschaften, sondern schaffen reale Angstr\u00e4ume f\u00fcr viele Menschen in diesem Land.<\/p>\n\n\n\n<p>In den vergangenen Monaten kam es bundesweit vermehrt zu Angriffen und organisierten Protesten gegen Veranstaltungen im Rahmen der CSD-Bewegung. Die Vorf\u00e4lle reichen von gezielten St\u00f6rungen und Bedrohungen bis hin zu k\u00f6rperlichen Angriffen auf Teilnehmende. In mehreren St\u00e4dten traten rechte Gruppen in Erscheinung, darunter bekannte Akteur*innen aus der extremen Rechten und der neuen rechten Jugendkultur, ebenso wie christlich-fundamentalistische und verschw\u00f6rungsideologische Netzwerke. Insgesamt steht die Sichtbarkeit von LGBTQIA+, f\u00fcr die CSDs seit Jahrzehnten stehen, zunehmend unter Druck. Die Gewalt und Ablehnung gegen queere Lebensrealit\u00e4ten spiegelt sich in einem gesamtgesellschaftlichen Klima wider, in dem rechte Akteur*innen gezielt gegen Gleichstellungspolitik und sexuelle Selbstbestimmung mobilisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die politische und gesellschaftliche Landschaft zeigt eine zunehmende Tendenz zur Retraditionalisierung von Geschlechterrollen und Familienstrukturen. Rechte Akteur*innen propagieren und verkl\u00e4ren ein patriarchales Familienbild. Diese Ideologie wird nicht nur auf politischer Ebene vorangetrieben, sondern auch verst\u00e4rkt \u00fcber Social Media verbreitet, wo antifeministische und sexistische Narrative als angebliche Nat\u00fcrlichkeiten und vermeintliche Wahrheiten verbreitet werden. In Jena treten derweil die v\u00f6lkischen M\u00e4nnerb\u00fcnde der Burschenschaften selbstbewusst auf. Diese Entwicklungen f\u00f6rdern eine Kultur der Ungleichheit und beg\u00fcnstigen Gewalt gegen M\u00e4dchen und Frauen \u2013 einhergehend mit einem Anstieg von Femiziden. Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau mit gezielter Gewalt ums Leben gebracht. Gegen diese Zust\u00e4nde sind feministische und emanzipatorische Bewegungen gefordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Parallel dazu verschiebt sich die politische Debatte weiter in Richtung einer restriktiveren Migrations- und Asylpolitik. Mit der Inbetriebnahme einer Abschiebehaftanstalt in Arnstadt versch\u00e4rft die Landesregierung ihre migrationspolitische Praxis weiter \u2013 ein Beispiel f\u00fcr Entrechtung und Abschottung. Auch aus dieser sogenannten Mitte des politischen Spektrums werden Forderungen nach Gesetzesversch\u00e4rfungen, schnelleren Abschiebungen und einer Ausweitung sicherheitspolitischer Ma\u00dfnahmen erhoben und umgesetzt. Mittels Bezahlkarten, K\u00fcrzungen bei Sozialleistungen und Arbeitspflicht f\u00fcr Gefl\u00fcchtete wird Menschen gezielt das Leben schwer gemacht. Dieser gesamtgesellschaftliche Rassismus wird von Rechts weiter befeuert. Die AfD-Agenda pr\u00e4gt den Diskurs und die politische Praxis, auch vor offener Zusammenarbeit scheuen sich einige b\u00fcrgerliche Parteien nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Initiativen, die sich f\u00fcr Demokratie, Antifaschismus oder Menschenrechte einsetzen, geraten derweil verst\u00e4rkt unter politischen Druck. Die CDU attackiert F\u00f6rderprogramme gegen Rechtsextremismus und fordert deren Umstrukturierung. Projekte und Tr\u00e4ger werden \u00f6ffentlich als extremistisch bezeichnet, F\u00f6rdermittel stehen vermehrt infrage, Projekte stehen vor existenziellen Risiken. Im Sinne der Hufeisentheorie, die rechte und linke Akteur*innen auf eine Stufe stellt, geraten auch Gruppen ins Visier, die sich kritisch mit staatlichen Institutionen auseinandersetzen oder sich in der antirassistischen Bildungsarbeit engagieren. Die staatliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr demokratische Strukturen im l\u00e4ndlichen Raum ist vielerorts r\u00fcckl\u00e4ufig. Besonders betroffen sind Regionen in Ostdeutschland, in denen rechte Akteur*innen bereits \u00fcber politische Gestaltungsmacht verf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Bundesregierung zeigt zudem im Kampf gegen Antiziganismus eine alarmierende Ignoranz und versch\u00e4rft durch ihr Wegsehen die bestehende Diskriminierung von Roma* und Sinti*. Wichtige Forderungen, wie die Einf\u00fchrung eines bundesweiten, verbindlichen Aktionsplans gegen Antiziganismus, wurden ignoriert und im Koalitionsvertrag nicht verankert. Bildungs- und Aufkl\u00e4rungsprojekte, die sich mit der Geschichte und der systematischen Ausgrenzung von Roma* und Sinti* besch\u00e4ftigen, erhalten weiterhin nur minimale oder gar sinkende F\u00f6rdermittel. In Th\u00fcringen wurde das Amt des*der Antiziganismusbeauftragte*n gestrichen. Statt klarer politischer Priorit\u00e4ten herrscht eine gef\u00e4hrliche Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber einer der am st\u00e4rksten marginalisierten Gruppen in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu verdichtet sich unter der Federf\u00fchrung der CDU die Leistungsideologie zu einem versch\u00e4rften Klassenkampf von oben. Sozialpolitische Ma\u00dfnahmen und Reformvorschl\u00e4ge folgen verst\u00e4rkt dem Paradigma von Eigenverantwortung, Disziplinierung und verwertbarer Arbeitskraft. Neben der Versch\u00e4rfung des B\u00fcrgergelds mit mehr Sanktionsm\u00f6glichkeiten und rigideren Zumutbarkeitsregelungen r\u00fccken arbeitsmarktpolitische Debatten weiter auf die Seite der Kapitalinteressen. So werden etwa Forderungen nach einer Flexibilisierung der Arbeitszeiten \u2013 inklusive der faktischen Aufweichung des Achtstundentags \u2013 unter dem Deckmantel der Wettbewerbsf\u00e4higkeit diskutiert. Die Interessen von Arbeiter*innen treten dabei weiter in den Hintergrund. Statt die bereits prek\u00e4re soziale Absicherung zu verbessern, werden Anpassungsdruck, Kontrollmechanismen und \u00f6konomische Verwertbarkeit als Bedingungen f\u00fcr gesellschaftliche Zugeh\u00f6rigkeit versch\u00e4rft. Die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung individueller Rechte und die Gewichtung staatlicher Ausgaben zugunsten nationaler Interessen zeigt sich auch bei der fortschreitenden Militarisierung der Politik. Der imperialistische Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und ihre Bev\u00f6lkerung wird dabei zur Rechtfertigung genommen, den deutschen Staat wieder kriegsf\u00e4hig zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Deshalb zum Ratschlag 2025 nach Jena!<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse versch\u00e4rfen sich: Repression gegen linke Bewegungen, antisemitische Mobilisierungen, queerfeindliche Angriffe, versch\u00e4rfte Arbeitsmarktpolitik, rassistische \u00dcbergriffe, Abschiebungsoffensiven und eine extrem rechte Partei auf dem Weg zur Macht \u2013 in dieser Gemengelage stehen wir als Linke unter massivem Druck.<\/p>\n\n\n\n<p>Emanzipatorische Politik, kritische Bildung und antifaschistisches Engagement werden delegitimiert, entpolitisiert oder kriminalisiert. W\u00e4hrend Neonazis erstarken und ihre Netzwerke weiter ausbauen, geraten demokratische und solidarische Strukturen unter Rechtfertigungszwang oder drohen an F\u00f6rderung zu verlieren. Die politischen Verh\u00e4ltnisse, in denen wir k\u00e4mpfen, werden rauer.<\/p>\n\n\n\n<p>In Jena gibt es mehrere antifaschistische und linke Gruppen und Verb\u00e4nde, die sich der autorit\u00e4ren Formierung, der erstarkenden Rechten, dem rassistischen Normalzustand und den wachsenden antizionistischen Mobilisierungen entgegenstellen. AfD-Events werden blockiert, Bezahlkarten gegen Bargeld getauscht, Solidarit\u00e4t mit Repressionsbetroffenen organisiert, es wird versucht R\u00e4ume und H\u00e4user zu erobern, um Freir\u00e4ume f\u00fcr ein besseres Leben zu schaffen und autorit\u00e4re Gruppen m\u00fcssen mit Gegenwind rechnen. Diese Bem\u00fchungen wollen wir unterst\u00fctzen und einen Beitrag zu ihrer Vernetzung leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso wichtiger ist es, sich zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen, Strategien weiterzuentwickeln, solidarische Kritik aneinander zu \u00fcben und sich gemeinsam zu organisieren. Der antifaschistische und antirassistische Ratschlag versteht sich seit \u00fcber drei Jahrzehnten als ein solcher Raum: Ort der Vernetzung, der strategischen Diskussion, der gegenseitigen Unterst\u00fctzung. Die Notwendigkeit, diese R\u00e4ume zu st\u00e4rken, war selten so dringlich wie heute. Im November 2025 kommen in Jena Aktive aus Antifa- und Antira-Zusammenh\u00e4ngen, aus Gewerkschaften, Jugendverb\u00e4nden, B\u00fcrger*inneninitiativen, politischen Organisationen und selbstorganisierten Strukturen zusammen, um aktuelle Entwicklungen zu analysieren und gemeinsame Antworten zu diskutieren. Die Vergangenheit zeigt, dass Rechte und andere Menschenfeinde immer dort aufsteigen konnten, wo antifaschistische Kr\u00e4fte marginalisiert, zersplittert oder entpolitisiert waren. In einem gesellschaftlichen Klima, in dem Menschenverachtung offen artikuliert werden kann, indem die Shoah relativiert und rechter Terror bagatellisiert wird, ist antifaschistisches Engagement nicht nur notwendig, sondern \u00fcberlebenswichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir laden alle ein, die sich einer Politik der Entrechtung, der Angst und des Ausschlusses widersetzen wollen. Alle, die den gesellschaftlichen Rechtsruck nicht hinnehmen, sondern ihm solidarische, reflektierte und entschlossene Theorie und Praxis entgegensetzen wollen, ohne dabei die emanzipatorische Zielsetzung einer Gesellschaft aus den Augen zu verlieren, in der alle Menschen ohne Angst verschieden sein k\u00f6nnen. Es ist Zeit, sich zu organisieren!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir laden alle ein, die sich einer Politik der Entrechtung, der Angst und des Ausschlusses widersetzen wollen. Alle, die den gesellschaftlichen Rechtsruck nicht hinnehmen, sondern ihm solidarische, reflektierte und entschlossene Theorie und Praxis entgegensetzen wollen, ohne dabei die emanzipatorische Zielsetzung einer Gesellschaft aus den Augen zu verlieren, in der alle Menschen ohne Angst verschieden sein k\u00f6nnen. Es ist Zeit, sich zu organisieren!<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Kommt am 7. und 8. November 2025 nach Jena!<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit den fr\u00fchen 1990er-Jahren findet im Gedenken an die antisemitischen Novemberpogrome von 1938 j\u00e4hrlich der antifaschistische und antirassistische Ratschlag in Th\u00fcringen statt. Die Veranstaltung dient der Vernetzung aktiver Antifaschist*innen sowie dem Austausch \u00fcber inhaltliche und strategische Fragen. 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