{"id":917,"date":"2025-10-21T14:44:59","date_gmt":"2025-10-21T12:44:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ratschlag-thueringen.de\/?p=917"},"modified":"2025-10-21T14:45:00","modified_gmt":"2025-10-21T12:45:00","slug":"der-ratschlag-und-der-nahost-konflikt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ratschlag-thueringen.de\/aktuelles\/der-ratschlag-und-der-nahost-konflikt\/","title":{"rendered":"Der Ratschlag und der Nahost-Konflikt"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcr den diesj\u00e4hrigen antirassistischen und antifaschistischen Ratschlag in Jena haben wir uns im Vorfeld intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir mit den aktuellen Spaltungen innerhalb der Linken im Hinblick auf den Krieg zwischen Israel und der Hamas umgehen wollen. Unser Ziel war es, einen Raum zu schaffen, der Kraft gibt und zur Selbsterm\u00e4chtigung beitr\u00e4gt \u2013 und zugleich ein Ort ist, an dem wir trotz aller Unterschiede wieder mehr miteinander ins Gespr\u00e4ch kommen k\u00f6nnen. Denn wir nehmen in Jena eine wachsende Sprachlosigkeit und Ohnmacht wahr: Viele Menschen f\u00fchlen sich angesichts der Situation im Nahen Osten, aber auch der harten und teils spaltenden Debatten innerhalb der Linken, \u00fcberfordert und isoliert. Dem m\u00f6chten wir etwas entgegensetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist uns: Wir haben in unseren internen Diskussionen weder einen Konsens gefunden noch wollten wir eine gemeinsame L\u00f6sung f\u00fcr den Nahostkonflikt erarbeiten. In der Debatte um getragene Symbole und vertretene Positionen ist f\u00fcr uns nicht nur entscheidend welches Symbol gezeigt wird, sondern auch mit welcher Motivation es getragen oder genutzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem Grund haben wir unseren Blick st\u00e4rker auf die Frage gerichtet, wie wir miteinander in den Austausch treten. Der Ratschlag soll ein Ort der Weiterbildung und des Dialogs sein. Daf\u00fcr halten wir es f\u00fcr unverzichtbar, dass alle Beteiligten die Bereitschaft mitbringen, einander zuzuh\u00f6ren und verstehen zu wollen \u2013 ohne zwangsl\u00e4ufig einverstanden sein zu m\u00fcssen. Um nicht selbst in autorit\u00e4re \u201eFreund-Feind\u201c-Gegens\u00e4tze oder geschlossene, Weltsichten zu verfallen, braucht es auch die Bereitschaft, Widerspr\u00fcche auszuhalten. Gleichzeitig wissen wir, dass die Grenze dessen, was aushaltbar ist, nicht eindeutig bestimmbar ist: Sie h\u00e4ngt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel von individuellen Erfahrungen und Positionierungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Uns ist bewusst: Einen vollkommen \u201esicheren Raum\u201c k\u00f6nnen wir mit dem Ratschlag nicht garantieren. Wann und wodurch Angstr\u00e4ume entstehen oder wann wir aufgrund unserer Entscheidungen unbeabsichtigt Personen ausschlie\u00dfen, k\u00f6nnen wir nicht im Vorhinein vollst\u00e4ndig absehen. Dennoch \u00fcbernehmen wir als Orga Verantwortung. Personen des Orga-Teams sind jederzeit ansprechbar und wollen sicherstellen, dass Menschen ernst genommen werden. Au\u00dferdem gibt es ein geschultes Awareness-Team, an das Menschen sich wenden k\u00f6nnen, wenn sie sich unwohl f\u00fchlen. Unser Ziel ist, gemeinsam f\u00fcr eine Atmosph\u00e4re zu sorgen, in der sich alle m\u00f6glichst sicher bewegen k\u00f6nnen. Gleichzeitig hei\u00dft das auch: Wir dulden keine gezielten Provokationen, die nicht auf einen inhaltlichen Austausch abzielen. Personen, die absichtlich st\u00f6ren, werden von der Veranstaltung ausgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit gro\u00dfer Sorge beobachten wir den zunehmenden Antisemitismus und Antizionismus in der Linken \u2013 sowie die Gefahr, dass die Kritik daran nicht mehr als selbstverst\u00e4ndlicher Teil linker Politik verstanden wird. Aus diesem Grund ziehen wir eine klare rote Linie zum Beispiel bei: Territorialkarten ohne Israel oder Spr\u00fcchen, die dieses nahelegen; beim Tragen von dem von der Hamas genutzten roten Dreieck; und bei positiven Bez\u00fcgen auf Organisationen wie Hamas, PIJ, die Abu-Ali-Mustafa-Brigaden, die PFLP oder Leila Khaled. Das Tragen von Kufiyas ist eine schwierige Grauzone. Sie sind politisch stark aufgeladen und wir sehen sie aus diesem Grund kritisch. Wir erkennen jedoch, dass sich Bedeutungen von Symbolen wandeln k\u00f6nnen und dass nicht alle, die eine Kufiya tragen, diese mit antisemitischen oder eliminatorischen Positionen vertreten. Deshalb haben wir uns entschieden, sie nicht grunds\u00e4tzlich zu verbieten. Zugleich erwarten wir aber, dass diejenigen, die sie tragen, auch Kritik daran aushalten und den Dialog dar\u00fcber f\u00fchren wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem sehen wir, dass es in der Mehrheitsgesellschaft eine zunehmende Instrumentalisierung von Antisemistismuskritik f\u00fcr rassistische Stimmungsmache und Politiken gibt. Wir finden, Kritik muss sich an den eigenen Anspr\u00fcchen messen lassen. Dort, wo sie verroht oder menschenfeindlich wird, ziehen wir eine rote Linie, wie zum Beispiel auch Territorialkarten ohne die pal\u00e4stinensischen Autonomiegebiete oder Memes, wie das eines Hundes, der eine Wassermelone frisst, sind f\u00fcr uns daher nicht tragbar. Es ist unserer Ansicht nach Aufgabe der Linken beides nicht gegeneinander auszuspielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ratschlag-Vorbereitungsb\u00fcndnis verurteilt Gewaltandrohungen, wie sie von Teilnehmer*innen der pro-pal\u00e4stinensischen Kundgebung am 10.7.2025 in Jena ausgegangen sind. Unabh\u00e4ngig davon, wie man sich in diesem Konflikt positioniert, ist es inakzeptabel, innerlinke politische Differenzen durch physische Gewalt oder deren Androhung l\u00f6sen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>All diese \u00dcberlegungen sind Ausdruck unseres gemeinsamen Ringens mit einer komplexen Situation. Wir wollen mit dem Ratschlag R\u00e4ume \u00f6ffnen, in denen Austausch m\u00f6glich bleibt \u2013 klar in der Haltung gegen Antisemitismus und menschenfeindliche Positionen, zugleich aber mit der Bereitschaft, Differenzen und Widerspr\u00fcche auszuhalten. Unser Anspruch ist es, Verantwortung zu \u00fcbernehmen, Gespr\u00e4chsr\u00e4ume offenzuhalten (oder wieder zu \u00f6ffnen) und gemeinsam daran zu arbeiten, dass der Ratschlag ein Ort des Lernens, der Solidarit\u00e4t und des Miteinanders bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den diesj\u00e4hrigen antirassistischen und antifaschistischen Ratschlag in Jena haben wir uns im Vorfeld intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir mit den aktuellen Spaltungen innerhalb der Linken im Hinblick auf den Krieg zwischen Israel und der Hamas umgehen wollen. 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